Salon nahm an der Marmomac 2017 teil

27 / 09 / 2017

ESSAY von Gökhan Karakuş

Zusammengefasst von Alper Derinboğaz, Städte und Stein

“Alle Städte sind ungewisse Orte, denn sie befinden sich zwischen zwei Transitgeschwindigkeiten und fungieren als Bremsen gegen die Beschleunigung des Durchdringens.” Paul Virgilio, Geschwindigkeit und Politik

Das Auftauchen von Steinmonolithen in der Landschaft zu Beginn der menschlichen Zivilisation war ein bedeutsames Ereignis. Eine nomadische Gesellschaft der Menschen war schon lange vor dem Entstehen statischer Strukturen ausgestorben gewesen. Eine große Anzahl von Jägern und Sammlern, die sich zu Familien und größeren Clans und Stämmen gruppiert hatten, wanderten durch die Savannen Afrikas bis hin nach Mesopotamien und dem östlichen Mittelmeer in prähistorischen Zeiten bis sie im neolithischen Zeitalter ankamen, welches interessanterweise wortwörtlich das Neue Steinzeitalter genannt wurde. Die Beweise einer frühzeitigen nomadischen menschlichen Zivilisation lassen sich klar an den Wappen aus Stein, den Instrumenten und religiösen Symbolen erkennen, die die Zeit überlebt haben.

Der eigentliche Bruch von der nomadischen Zeit entstand im dramatischen Gebrauch von Steinen als Baumaterial bis hin zu den Anfängen der sesshaft werdenden menschlichen Zivilisation. Als nomadische Jäger und Sammler im neolithischen Zeitalter vor ca. 12.000 Jahren ein sedentäres landwirtschaftliches Leben übernommen haben, wurde der Bedarf an Gebäuden offensichtlich in der ersten Sammlung von menschlichen Niederlassungen. Die jüngsten archäologischen Entdeckungen in der Türkei haben diesen Verlauf der Geschichte bestätigt und gleichzeitig ein wichtiges neues Detail zur Entstehungsgeschichte des Baus und der Architektur hinzugefügt. Ausgrabungen in Göbeklitepe nahe Şanlıurfa im Südosten der Türkei zeigen die Überreste eines religiösen Gebäudes auf, welches aus großen Steinmonolithen mit Reliefschnitzerei besteht. Die Bedeutung dieser entdeckten Steinsäulen beschreibt der deutsche Archäologe Manfred Müller, Leiter der Ausgrabungen in Göbeklitepe, wie folgt: “Der Tempel kam vor der Stadt”, und betont die symbolische Rolle der Architektur zu Beginn der Zivilisation. Dies hat eine faszinierende Tragweite für die Geschichte der Architektur. Denn zu Beginn der menschlichen Sesshaftigkeit, als der Mensch zum ersten Mal die Idee des formellen Baus in Erwägung gezogen hat, kam dieses Unterfangen zum Vorschein in einer hauptsächlich aus Stein und Symbolik bestehenden Synthese. Der Stein repräsentiert für den Menschen ein grundlegendes Material zur Verwirklichung seiner Ideen in Form und Struktur, welche Aktivitäten und das Leben erleichtern. Von diesem frühen Zeitpunkt bis zum heutigen Tage hat der Stein als Baumaterial eine zentrale Rolle übernommen wie der Mensch sein gebautes Umfeld sieht, seine Welt gestaltet und die Idee dessen anderen übermittelt.

Im Mittelpunkt der Idee dieser Verlagerung auf formelle Gebäude steht der Zustrom dieser Idee des Gebäudes und noch tiefgründiger die Städte selber, die in Stein zusammengefasst werden. In jeder unserer Städte heute liegt die gleiche symbolische und funktionelle Zweckbestimmung zufolge, die den ersten Monolithen zugrunde liegen, welche vor 12.000 Jahren errichtet wurden: das Bedürfnis, die Existenz und Sesshaftigkeit in der materiellen Form des Steins festzuhalten.

Heute im 21. Jahrhundert sind diese Anfänge immer noch Werke der Architektur und noch bedeutsamer ist es, dass sie immer noch eine Spannung zwischen einer Gesellschaft im Umbruch und dem Drang darstellen, die Bewegung durch Gebäude und Städte zu unterbrechen. Der französische Philosoph Paul Virgilio beschreibt die Stadt als “… ein Zwischenaufenthalt, ein Punkt auf dem synoptischen Weg eines Werdegangs … es gibt nur die bewohnbare Zirkulation”. Die Stadt ist eine Massendichte, die träge angesichts der Geschwindigkeit und Bewegung steht. Heutzutage sehen wir in der Architektur weiterhin diese Dynamik zwischen Stein und Urbanistik in noch vertiefter Art und Weise. Condensed, eine neue Installation aus Marmor des Istanbuler Architekten Alper Derinboğaz, kam im September 2017 in Verona, Italien zum Vorschein. Condensed reflektiert viele der historischen Ströme, die im Design des Steins existieren, aber passender Weise im Bau von Städten. Der Design-Ansatz von Derinboğaz lässt sich mit der immer präsenten Beziehung zwischen Stadt und Stein ausdrücken. “Die Idee hinter Condensed basiert auf der Kreation einer Verbindung zwischen den Formierungen des Naturgesteins und dem Auftreten von Städten. Condensed überdenkt die Wand als repräsentatives Faktum einer konzentrierten Stadt und stellt diese intensiven Formierungen dar, indem es die Kristalle des Marmor als Designsprache nutzt.”

Die aus vier Wänden bestehende Sequenz wurde konzipiert von Salon, dem Büro des Istanbuler Alper Derinboğaz und dem italienischen Steinfabrikant Garfagnana Innovazione und erschien als Teil der Soul of the City Ausstellung unter der Ideenführung von Platform Architecture auf der Marmomac Stein Messe in Verona vom 23.-27. September 2017. Luca Molinari, Designkurator der Ausstellung mit den Arbeiten von führenden zeitgenössischen Architekten, die mit italienischen Steinunternehmen arbeiten, adoptierte die direkte Beziehung zwischen dem Stein als “Seele” der Stadt, und “erforschte die möglichen Visionen zeitgenössischer Städte durch den Stein” als Thema.

Die Condensed Installation von Derinboğaz besteht als Erkundungsversuch aus fünf großen Monolithen der italienischen Marmorarten Bardiglio Vagli, Bardiglio imperiale Orto di Donna und Grigio Argentato. Die zugespitzten Monolithen grenzen den Raum ab und identifizieren und markieren den räumlichen Bereich. Die Oberflächen alternieren zwischen glatt und gestreiften Texturen, die die vorhanden Venen und natürlichen geologischen Eigenschaften des dunkel Farben Marmors hervorheben. Das Designinteresse des Architekten war, die geologische Formierung des Marmor, sowie dessen Dichte zu unterstreichen. Durch das Gegenüberstellen dieser natürlichen Eigenschaften der Monolithen in ihrer Anrechnung als Türme einer dichten Stadt suchte er den Verbund zwischen der Arbeit der Natur und des Menschen. Wie wir schon erwähnt haben, ist dies eine uralte Strategie, Steinmonolithen auf diese Weise zu kreieren und organisieren. Der Unterschied zur Condensed Installation von Derinboğaz ist die Fähigkeit, mit gegenwärtigem digitalen Design und Fabrikationstechnologien diese Formen zu produzieren, sodass sie grundlegende kristallene und mathematische Morphologien reflektiert. Tatsächlich übernimmt Derinboğaz einen wissenschaftlichen Ansatz, mit dem er die Kristallformierung des Marmors unterstreicht und Formen aus diesem Designansatz erzeugt, die an das Interesse des modernistischen Architekten Bruno Taut für Kristalle erinnert. Derinboğaz ist allerdings fähig, diese Beziehung zur Basis des Steins als Kristall von der Analogie in die direkte und pragmatische Wissenschaft und technologische Fabrikation zu tragen. Die zugespitzten Monolithen sind die Produkte industrieller und digitaler Steintrennmaschinen mit exakten und präzisen Geometrien.

Der Designaufwand für Condensed, besonders auf den texturierten Oberflächen, hegt den Zweck, das Potential dieser Produktionsmodalitäten auszuschöpfen, um ein insgesamt kompositionell dichtes Formationsindikativ der Stadt zu schaffen. Dies sind in der Tat Monolithen, die auch in die 12.000 Jahre alte Geschichte der Typologie fallen. Wie Paul Virilio sehr überzeugend argumentierte; ist dichter Marmor als Metapher für eine Stadt dem Versuch ähnlich, die Geschwindigkeit menschlicher Bewegung durch einfachen Bau zu vermindern. Hier sind wir vorangekommen, denn Condensed von Derinboğaz ist den nächsten Schritt gegangen zu einer möglichen Vereinigung großer wissenschaftlicher Belange und Designinteressen. Diese Anliegen ebnen den Weg für Städte als zunehmend dichte urbane Ballungsräume oder möglicherweise Städte als einfach nur monumentale Überreste des Versuches des Menschen, die Geschwindigkeit zu verringern, mit der wir uns durch die Zeit bewegen. Die Designstrategie war, wie auch in der architektonischen Arbeit von Derinboğaz, einen gewissen Grad an Gleichgewicht zwischen der Geometrie und dem Material zu erreichen, wenn auch mit symbolischer Kraft. Die Condensed Installation nimmt sich dieses ernsten Themas an, ist allerdings durch den disziplinierten Ansatz des Designers fähig, ein bedeutsames Design zu erhalten, und zwar trotz der historischen Gewichtung der Steinmonolithe. Derinboğaz ‚Design hat die seit langem bestehenden Beziehungen zwischen Stein, Stadt und Form erfolgreich gemeistert, um mit digitalen Werkzeugen eine Stein-Iteration des 21. Jahrhunderts zu schaffen. Die Werkzeuge haben sich geändert, wie auch an der Architektur von Derinboğaz ersichtlich ist. Die Fähigkeit, Stein zeitgemäß zu gestalten, behält allerdings die Spuren der tausendjährigen menschlichen Besiedlung immer noch bei.

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